Wir starten unsere Silicon Valley Study Tour mit einem gemütlichen Dinner im Palomino Restaurant in San Francisco. Dort treffen wir zum ersten Mal physisch auf Gert Christen, unser Tour-Guide für die kommende Woche, welcher uns bereits während des Abendessens erste Einblicke in die Kultur von San Francisco gibt.

Es berichten Benjamin Walther und Carina Müller: Am Montagmorgen geht’s richtig los mit einem Kick-Off von Gert bei Kaffee und Bagels im The Vault, eines der ältesten Gebäude von San Francisco. Das Wochenprogramm wird präsentiert und ist vollgepackt mit spannenden Besuchen und Referaten von sowohl kleinen Start-ups als auch den grossen Digital Leaders.

Silicon Valley: The good, the bad and the ugly

Beim ersten offiziellen Referat verdeutlicht uns Prof. Chuck Darrah auf eindrückliche Weise, dass das Silicon Valley weitaus komplexer ist, als viele von uns vielleicht denken. Es wird oftmals versucht, das Konzept in anderen Ländern zu replizieren, jedoch stets erfolglos. Was also macht das Silicon Valley so besonders?

Einerseits ist hier eine komplett andere Fehlerkultur als in vielen westlichen Länder. Die Leute hier sind bereit mehr Risiken einzugehen und Fehler-machen ist nicht nur akzeptiert, sondern oft sogar gewünscht. Man wird oftmals erst ernst genommen, wenn man erstmal gescheitert ist und es wird einem die Möglichkeit geboten sich stets neu zu erfinden und neue Jobmöglichkeiten wahrzunehmen. Die Bereitschaft zum Risiko ist jedoch von aussen mit Vorsicht zu geniessen und auf andere Regionen schwer adaptierbar. Denn im Silicon Valley ist es viel einfacher ein grosses Risiko einzugehen, da neue Opportunitäten geradezu auf der anderen Strassenseite liegen. Klappt es beim ersten Anlauf nicht, kann man einfach wieder von neuem beginnen. Denn das Silicon Valley ist eine Job-generierende Maschine.

Das bedeutet auch, dass das Silicon Valley ein Ort für Gewinner ist. Es gibt kein Verlust, entweder man ist erfolgreich oder man verlässt es mit wertvollen Erfahrungen, die in anderen Märkten ein wichtiger Asset darstellen.

Obwohl das Silicon Valley Modelle entwickelt hat, die Arbeitnehmer von überall arbeiten lassen, ist die Lokalität und Nähe zu den Menschen enorm wichtig. Denn das Valley bildet stark auf Beziehungen. Man trifft sich überall und spricht über die neusten Trends, zudem starten viele Deals mit einem Handschlag. Der Level of Trust ist hier extrem hoch und man kann niemanden täuschen, weil sich dies schnell rumsprechen würde. Deshalb funktioniert das Silicon Valley hervorragend auf eine viel informalere Weise als andere Märkte.

Es gibt aber auch eine dunklere Seite zum Silicon Valley, welche oft nicht auf den ersten Blick wahrgenommen wird: Unter der coolen und glamourösen Fassade ist auch grosse Angst. Es herrscht ein extremes Stresslevel und sehr hohe Lebenskosten. Viele Leute können sich aufgrund der steigenden Lebenskosten keine richtige Wohnung leisten und hausen in Wohnwagen, oder sie leben ausserhalb des Valleys und haben extrem lange Arbeitswege. Zudem werden aufgrund der hohen Lebenskosten viele Einheimische verdrängt, die sich den teuren Lebensstandard nicht mehr leisten können.

Auch ist es für Einheimische, besonders Kinder, schwierig langfristige persönliche soziale Kontakte zu knüpfen, da die Familien oft nicht lange im Valley verweilen.

So ist das Silicon Valley einerseits extrem optimistisch, aber anderseits auch etwas unrealistisch. Aus Sicht des Anthropologen, meint Chuck, geht irgendwann alles zu Ende. Ein Blick in die Zukunft zeigt jedoch, dass das Silicon Valley wahrscheinlich noch lange auf seiner Erfolgswelle reiten wird. Denn solange es die Macht hat die besten Arbeitnehmer aus aller Welt anzulocken, solange wird es auch mächtig bleiben.

Introduction to the San Francisco Bay Area

Sean Randolph, Senior Director Bay Area Council Economic Institute, gab uns einen spannenden Einblick in das Innovation Ecosystem in der Bay Area. Neben Universitäten, Venture Capital Firmen, Entrepreneurs und Start-ups, sind auch Institutionen der Regierung darin vertreten. Ziel dabei ist es Innovation zu fördern und, dass neue Firmen entstehen, die sich in der Region niederlassen können.

Auch zeigt er kritisch auf, dass neben der Innovationsförderung und dem grossen technologischen Fortschritt essentielle Dinge wie Infrastruktur, Mobilität und das Wohnungswesen in San Francisco stark vernachlässigt werden. Dies stellt eine Gefahr dar, gute Leute in der Mittelschicht zu verlieren, da sie sich den Unterhalt in der Stadt und im Valley nicht mehr leisten können. Auch erschwert die komplexe und restriktive Immigrationsgesetze das Anstellen von herausragenden ausländischen Arbeitnehmern.

Eine spannende Anekdote war auch, dass (nicht wie vielleicht erwartet China oder Japan) Europa der grösste Investor im Valley ist. Dies kommt davon, dass es hier viel einfacher ist eine Unternehmung global zu skalieren. In Europa ist dies schwer möglich. Deshalb kommen viele europäische Startups ins Valley, wenn sie sich auf dem globalen Markt platzieren wollen.

Autodesk

Am Nachmittag wurden wir bei AutoDesk empfangen. Eine Firma die insbesondere in der Immobilienbranche mit ihrem AutoCAD Programm weitestgehend sehr bekannt ist und eines der etablierten CAD Tools bietet. AutoDesk, eine Firma die vor 37 Jahren gegründet wurde und international erfolgreich ist, zeigte beeindruckend, wie das Angebot der Firma diversifiziert und stetig weiterentwickelt wurde. Aktuelle Trends wie #BIM und #3DPrinting stehen ganz oben auf dem Programm.

AutoDesk stellt mit Ihren breiten Software-Angebot Design Software zur Verfügung, welche umfassende Simulationen der Modelle ermöglichen. Neben Architektur, Produktdesign und Kunst, ist Gaming ein grosses Beschäftigungsfeld für das Unternehmen. Tendenziell deckt die Software insbesondere den Design-Prozess ab, allerdings zielt AutoDesk immer mehr auf die Begleitung eines Projektes durch den gesamten Life-Cycle des Produktes ab (Life-Cycle-Data-Management).

Anhand von konkreten Use-Cases konnten wir hautnah diverse Projekte und Kooperationen der Firma erleben:

  • Shanghai Tower: Building Information Modelling
  • Augmented Reality Sandbox: Simulation von Wasserabflüssen in einer Landschaft
  • Airbus Concept Plane: Wie könnte ein Airbus in Leichtbauweise erstellt werden
  • Lego-Dinosaurier: Wie werden stabile Lego Modelle in einem grossen Massstab gebaut
  • Project Cars: Immersive Rennwagen-Simulation
  • Individuelle Schuhe: 3D Druck Schuhsohle, welche das perfekte Gegenstück zum menschlichen Fuss bietet

Designs können bei AutoDesk insbesondere durch parametrisiertes Design in einem kooperativen Prozess aller relevanten Projektbeteiligten erstellt und angepasst werden. So ist es beispielsweise möglich Brücken auf Knopfdruck zu verlängern oder höher zu bauen und automatisch die restlichen relevanten Parameter anzupassen, damit die Stabilität der Brücke weiterhin gewährleistet wird.

Die verschiedenen Beispiele auf dem Technologie-Spielplatz haben die Vielseitigkeit und Entwicklung des Unternehmens im Laufe der letzten Jahre gut aufgezeigt. Auch die Art und Weise, wie AutoDesk ihre Innovation vorantreibt ist beispielhaft – sie lassen ihre Nutzer konkrete Use-Cases und Ideen einspielen und unterstützen sie aktiv bei der Umsetzung, um so durch Co-Creation Innovationen zu erschliessen.

DocuSign

DocuSign ist eine Software-Lösung, welche Contract Lifecycle Management ermöglicht. Neben dem reinen digitalen, Compliance-konformen Unterzeichnen von Dokumenten mit Berücksichtigung von regionalen Gepflogenheiten und Sprache, ermöglich die Plattform die Speicherung und Verwaltung, inklusive AI-unterstütze Suche von Vertragsinhalten. Verträge können automatisiert mit einem Baukastenprinzip erstellt und teilweise intelligent angepasst werden (z.B. bei Vertragsänderungen «if… then»). Dokumente können so in einem ansprechenden User-Interface weltweit, grenzenlos und rechtssicher abgeschlossen und verwaltet werden.

Die Vorteile des Einsatzes einer solchen Systems wurden klar aufgezeigt und sollten auch jedem ersichtlich sein, es führt zu einer eindrücklichen Ressourceneinsparung. Neben dem reinen Papier von Vertragswerken, wird Zeit und direkte Kosten pro Unterschrift (durch Research mit 36 Dollar pro Unterschrift betitelt) reduziert.

Ursprünglich hat sich die Firma auf Anwendungsfälle der Immobilienbranche (Transaktionen) konzentriert, hat aber im Laufe der Zeit eine Vielzahl von Use-Cases und Vertragsformen für unterschiedlichste Business aufgebaut. DocuSign hat von Anfang an auf eine enge Zusammenarbeit mit relevanten Partnern wie Salesforce und SAP gesetzt, welche unter anderem auch Aktionäre des Unternehmens sind, um die Schnittstellen der ERP-Software ihrer Kunden direkt zu bedienen.

Salesforce selbst spart beispielsweise dank DocuSign jährlich etwa 10’000 Stunden manueller Vertragsbearbeitung und hat eine «no-touch» Rate von 85%, insbesondere die automatisierte Generierung von Verträgen auf Basis der Bausteine ist eine erhebliche Erleichterung.

Auch nutzt T-Mobile die Anwendung, um ihren Kunden einen Side-by-side Selling-Process zur Verfügung zu stellen, der durchweg digital und einfach ist. Früher wurden für den Abschluss eines Provider-Vertrags unzählige Seiten Papier unterschrieben, mittlerweile kann der Kunde einen Onepager auf dem iPad unterschreiben, welcher die volle rechtliche Wirkung und den relevanten Informationsgehalt bietet.

Der Prozess wird auf der «System of Agreement» Plattform durchgeführt, welche eine automatisierte Schnittstelle in das ERP des Unternehmens ermöglich, um hintergelagerte Prozesse auszulösen (z.B. Bestellung des Geräts, Billing, etc.). DocuSign ist mittlerweile 15 Jahre alt und ist vor 2 Jahren erfolgreich an die Börse gegangen.

Last but not least

Der Tag wurde abgerundet mit einer spannenden Podiumsdiskussion der San Francisco CryptoMonday über Stablecoins.