Aus dem Unterricht des CAS Digital Leadership mit Leila Summa, Founder & CEO Play to Change GmbH berichtet Claudia Roth zu den Themen SILICON VALLEY HACKS: 33 Werkzeuge für die digitale Welt.

Der Siegeszug der Firmen die im Sillicon Valley beheimatet sind und die mit ihren Plattformmodellen so ziemlich alle Industrien aufrütteln und die Karten neu mischen, scheint unaufhaltsam. In der neuen digitalen Ära werden die Spielregeln für Erfolg anders geschrieben. Was auch die Änderungen in den Fortune 500 in den letzten 15 Jahren eindrücklich dokumentiert. «Digital Native» Firmen agieren anders und haben (noch) keine hartnäckige «we’ve always succeeded this way» Mentalität. Sie schauen die Landschaft von Partnern, Kunden, Industriegrenzen, Produkt ausserdem als formbar statt fix gegeben an.

Aber welches sind den die Werkzeuge, die diese Firmen anwenden? Welche Rolle spielt Kultur versus Technologie? Und wie kann man als Firma, die nicht digital gewachsen ist, diese Ansätze ins eigene System importieren? Dies sind Themen mit denen sich unsere Dozentin, Leila Summa, Gründerin von Play to Change und Authorin eines Buches zu den wichtigsten «Hacks» oder Werkzeugen der erfolgreichen Firmen aus dem Sillicon Valley beschäftigt. Sie selbst hat in ihrer Karriere  alteingessessene Firmen wie Migros oder UPC im Wandel begleitet. Aber auch für digitale Firmen wie Facebook oder Xing gearbeitet.

Kultur des Testens und Lernens

Facebook visualisiert die Kultur, dass man nie fertig ist, egal wie erfolgreich man ist, indem die Büros nie ganz fertig gebaut sind und immer irgendwie auch Baustelle sein. Mark Zuckerberg’s statement «Ideas don’t come out fully formed» verdeutlicht, dass brilliante Ideen am Anfang eigentlich noch unausgekocht und ungelenk sein können, dass es aber jemanden braucht, der anfängt, der ausprobiert und die Idee mit Input von anderen und mit Zeit zu einem erfolgreichen Produkt macht. Nicht jedes Produkt wird ein Erfolg, aber ohne Mut zum experimentieren, entsteht gar nichts Neues…

So haben auch andere Firmen immer wieder im Kleinen experimentiert und wenden dann das, was funktioniert breiter an. So haben professionelle Fotos bei AirBnB exponentielles Wachstum eingeleitet. Gestartet als hat es als These und wurde im klein ausprobiert. Dabei lernte die Firma nach und nach was funktioniert und die Investition in gutes Bildmaterial wurde als strategisch wichtig erkannt. Eine agile Arbeitsweise und Kultur, wo man kleine Experimente mit grosser Häufigkeit testet und wo man ausprobieren darf und nicht nur den sofortigen (unrealistische) Erfolg propagiert, ist dabei sehr wichtig.

Den Wandel aktiv gestalten

Wenn Dinge ausserhalb unserer Kontrolle sind, dann machen sie uns Angst. So summiert es Leila und zeigt zur Illustration einen Videoclip. Eine Rolltreppe stoppt und zwei Leute die darauf “stecken bleiben” schreien um Hilfe, statt zu Fuss hochzugehen. Dies illustriert, wie gerne wir Probleme externen Faktoren zuschreiben und uns selbst in einem Kreislauf der Angst halten, statt uns als Akteure mit Verantwortung (oder “Response-ability”) zu sehen.

Dabei spielt für die Mitarbeitenden aber auch eine wichtige Rolle, ob sie sich psychologisch sicher fühlen. Dass sie glauben, dass Handeln belohnt und nicht bestraft wird. Verantwortung übernehmen können, Ideen weiterentwickeln an die man persönlich glaubt und Fehler machen dürfen auf dem Weg zum Fortschritt sind dabei wichtige Zutaten. “Purpose” oder Sinn gekoppelt mit der Freiheit zu gestalten, statt einer Angstkultur und vereinfachter Heldengeschichten lassen Innovation gedeihen. Einfach nur schneller rennen bringt nicht Veränderung, man muss auch etwas anders machen…

Kundensicht und Anpassung radikal…

Im Zeitalter von Tripadvisor, Google Reviews oder Social Media Stürmen ist es naheliegend, dass die Stimme des Kunden zählt. Aber wie kontrolliert man nicht einfach nur die negative Stimmen, sondern bindet den Kunden aktiv in die Produktentwicklung ein? Wiederum, Experiment und stetige Feedback Loops die das Produkt oder die Idee stetig verbessern. So wie man intern experimentiert, testet man auch mit dem Kunden kleine Änderungen. Die meisten traditionellen Unternehmen machen einige wenige Software Releases pro Jahr machen. Digitale Plattformfirmen hingegen stellen ständig neue, kleine Änderungen live. Dann testen sie und ändern sie sie dann gleich wieder mit den neuen Lerneinsichten. Stetige Anpassung mit dem Feedback der Benutzer.

Um zu den Faden zum Kundenfeedback wieder aufzunehmen, was ware denn ein 11-Sterne Kundenerlebnis? Damit haben wir uns dann in kleineren Gruppen beschäftigt. 11-Sterne sind durchaus nicht ein realistisches, heute umsetzbares Erlebnis. Sondern etwas, was ein bisschen verrückt, nicht wirtschaftlich und umsetzbar ist, aber den Kunden entzücken würde. Es geht darum, die Grenzen des heutigen Produkts und Markts zu erweitern und überlegen, was man noch machen könnte. Und ganz einfach, wenn wir es nicht machen, machts ein anderer!

Werkzeuge und Qual der Wahl

33 Werkzeuge oder “Hacks” stellt Leila in ihrem Buch vor, einige schauten wir uns im Unterricht genauer an. Ob die Orientierung an North Star Metrics, Hackathons oder die Macht von Mentoring und Morgenroutinen, viele der Werkzeuge sind intuitive nützlich. Man könnte kritisch sagen, dass sie auch etwas “too cool for school” klingen und einige davon mit weniger Anglizismen verpackt nah an Werkzeugen dran sind, die wir schon lange kennen.

Was aber ganz klar ist, ist dass Digitalisierung nicht vorgängig ein Technologiethema ist. Dass erfolgreicher Wandel viel mehr mit Kultur, Experimentieren und Risiken zu tun hat. Und dass wir Mitarbeitende wie fähige Erwachsene in Lösungsfindung einbinden müssen und nicht nur Aufgaben delegieren. Dass Heldengeschichten mit der brillianten, ausgekochten Idee und sofortigen Performance eigentlich immer Märchen sind. Dass es schwierig ist, grosse Tanker in Schnellboote zu verwandeln. Und dass wir alle lernen müssen, dass wir in einer instabilen Welt ständig lernen, testen, Feedback einholen und adaptieren müssen. Sonst bleiben wir wie die zwei Schreihälse auf der Rolltreppe stehen. Und vielleicht wartet bald gar niemand mehr die alte Rolltreppe…