Aus dem Unterricht des CAS Digital Finance mit Dozent Lidia Bolla, CEO von Vision &, berichtet Salvatore Catalano.

Endlich war es soweit! Am letzten Samstag wurde der Nachmittag den berüchtigten, heiss geliebten oder ewig kritisierten Kryptowährungen gewidmet. Die ersten 2 Stunden gingen standesgemäss an die Mutter aller Kryptowährungen, den Bitcoin. Danach um deren „möglichen“ Einsatz im Wealth- respektive Asset Management. Lidia Bolla, eine erfolgreiche Unternehmerin und CEO von Vision &, stellte uns ihr Unternehmen vor und diskutierte mit uns über Vor- und Nachteile dieser neuen „Anlageklasse“, sofern man diesen Ausdruck schon erwähnen darf.

Crypto – was ist das?

Es ist äusserst wichtig zu verstehen, was mit Crypto gemeint ist. Denn Crypto ist nicht nur Bitcoin. Crypto ist ein viel breiteres Universum. Was jedoch immer im Zentrum aller Diskussionen um Crypto steht, ist die zu Grunde liegende Technologie, nämlich die Blockchain. Was ist aber die Blockchain? Akademisch ausgedrückt ist sie eine Technologie zur Konsensfindung in einem dezentralisierten System! Was heisst das?

Wenn die Blockchain auf ein dezentralisiertes System basiert, erkläre ich Ihnen den Unterschied anhand eines zentralen Systems. Nehmen wir an, Sie wollen sich ein gebrauchtes Auto kaufen. Sie schauen sich das Auto an und nehmen sich standesgemäss die Garage oder den Eigentümer genauer unter die Lupe. Womöglich haben Sie einen Bekannten, der sich mit Wagen auskennt und bereit ist, Ihnen das Kaufobjekt kurz zu inspizieren. Sie fangen langsam an, ein gutes Bauchgefühl zu haben. Streng genommen ist Letzteres jedoch auch schon alles, was Sie einsetzen können, denn mit 100% Sicherheit können Sie versteckte Mängel nicht ausschliessen. Wurde der Tacho vielleicht doch manipuliert oder die Anzahl KM nach unten geschraubt? Ist das Auto auch wirklich unfallfrei? Sie sind und bleiben Ihrem Gegenüber komplett ausgeliefert und sie müssen ihm vertrauen.

Was, wenn jedoch 1000 Leute und alle unabhängig davon Ihnen bestätigen können, das auch wirklich alles so ist, wie es beschrieben wird? Dass das Auto fachgerecht gewartet, bei km 34578 die Bremsen ausgewechselt und der Service gemacht wurde? Dies weil jede Wartung, alle Service-Arbeiten usw. einfach minutiös und vor allem unwiderruflich in einer Datenbank erfasst wurden. Sie fühlen sich gut dabei und brauchen plötzlich kein Vertrauen gegenüber dem Verkäufer mehr. Sie stützen sich lediglich auf den Konsens dieser 1000 Meinungen und überweisen ohne nachzudenken den Preis. Diese Datenbank in der alles unwiderruflich erfasst und von den 1000 Leuten bestätigt wurde ist die Blockchain!

Fassen wir zusammen:
Die 3 wesentliche Punkte einer Blockchain sind:

– Sie brauchen kein Vertrauen mehr in die Teilnehmer
– Das Vertrauen wird durch Kryptographie sichergestellt
– Informationen werden dezentral gespeichert

Das Blockchain-Universum

Blockchain hat viele Facetten! Das können Kryptowährungen wie Bitcoin oder auch sogenannte Developer Tools, wie die Ethereum Plattform sein. Dann gibt es Financials und Non-Financials. Der grösste Anteil jedoch – mit rund 64% – belegen die klassichen Kryptowährungen. Hier allen voran an Bitcoin (46% des Marktes). Bitcoin war die erste Blockchain Anwendung. Unterdessen gibt es rund 1600 (!) Davon. Ob es auch alle wirklich braucht, wird uns die Zukunft sagen.

Crypto Assets im Portfolio Kontext

Die Hysterie und der Wunsch nach schnellem Geld  (Twitter: #whenlambo)

Bitcoin & Co haben mit ihrem massiven und exponentiellen Preisanstieg im Jahre 2017 das Interesse vieler Anleger auf sich gezogen. Der Hype war in aller Munde. Viele kleine Privatanleger – u.A. auch Menschen die noch nie oder nur selten Geld angelegt haben – sprangen auf den Bitcoin Zug auf, in der Hoffnung schnellen Profit realisieren zu können. Was 2008 noch als „Etwas für Nerds“ bezeichnet und von Krypto-Anarchisten im Darknet genutzt wurde, löste 2017 eine regelrechte Euphorie ähnlich die der Goldgräber, Ende des 19. Jahrhunderts, aus. Nach dem Hoch im Dezember 2017 platzte die Blase und der Kurs sank um knapp 70%.

Viele Krypto-Enthusiasten sind nicht ganz unglücklich dabei. Das Platzen der Blase hat etwas Ruhe zurückgebracht und Bitcoin ist wieder stabiler geworden. Die Volatilität, die über Jahre immer gesunken war – mit Ausnahme des Hypes im 2017 – hat ihren alten Pfad wieder gefunden und Cryptos rücken wieder in Fokus institutioneller Investoren. Doch wie investiert man in Cryptos und vor allem wo, bei einem solch breiten, teilweise noch unreguliertem Markt und Angebot?

Betrachten wir Cryptos als Anlageklasse, gibt es verschiedene einsetzbare Instrumente. Diese weisen ähnliche Merkmale auf, die den heutigen, bereits etablierten „Anlageklassen“ ähnlich sind.

  • Pure currencies, die als reine Währungen fundieren
  • Utility Tokens, die einem das Recht auf auf ein Produkt oder eine Dienstleistung eines Unternehmens verschaffen und an Wert steigen können, wenn die Nachfrage nach diesem Produkt oder Dienstleistung steigt
  • Security Tokens, die ähnlich wie Aktien an Wert steigen können, wenn das zu Grunde liegende Unternehmen an Wert steigt

Nebst der emotionalen Entscheidung einer Investition in Cryptos, lohnt sich eine Analyse – nach der klassischen Portfoliotheorie nach Markowitz – allemal. Eins der wichtigsten Faktoren ist nämlich die Korrelation von Cryptos mit den klassichen Anlageninstrumenten. Die Korrelation ist bei den meisten Cryptos sehr gering, 0 oder gar leicht negativ. Nach Markowitz` Theorie bedeutet dies, dass das Risiko eines Portfolios, unter Beimischung nicht korrelierender Anlageinstrumenten, reduziert und die erwartete Rendite überproportional gesteigert werden kann. Eine wichtige Voraussetzung ist die Diversifikation, oder anders ausgedrückt die alte Weisheit, dass man Eier nicht alle im gleichen Korb aufbewahren sollte. Berücksichtigt man also diese 2 Regeln unter Beimischung einer gesunden Gewichtung an Cryptos mit höher erwarteten Renditen innerhalb eines Portfolios, kann die Effizienz gesteigert werden. Am unten aufgeführten Beispiel ist erkenntlich, dass bei einer Beimischung von 5% Cryptos in einem ausgeglichenem Portfolio, die erwartete Rendite überproportional um 88% genügenüber einem um 24% höheren Risiko, gesteigert werden kann.


Anlagestrategien 

Auch im Bereich von Cryptos gibt es – ähnlich wie bei den klassischen Anlageinstrumenten – die Möglichkeit zwischen Aktiv und Passiv zu entscheiden.

Aktives Investieren
– Durch Research in den zu investierenden Sektoren, Projekten und Märkten

Passives Investieren
– z.B. durch Abbildung eines Index auf Digitalen Währungen
– Mögliche Sub-Strategien z.B. : Equally Weighted, ähnlich dem heutigen Trend nach Smart-Beta oder Marktgewichtet, durch einfache Replikation eines Index

Vorteile / Nachteile einer aktiven Anlagestrategie:
– Chance, bei potentiell erfolgreichen Projekten von Anfang an investiert zu sein
– Chance auf langfristiges Wachstum
– Mit hohem Research-Aufwand und -Kosten verbunden

Vorteile / Nachteile einer passiven Anlagestrategie:
– Kein Research notwendig
– Chance, bei der Entwicklung der gross kapitalisierten Cryptos zu partizipieren
– Bei häufigem Rebalancing innerhalb des Index können hohe Transaktionskosten entstehen 
– Hohe Opportunitätskosten da oft kleine, unentdeckte Projekte mit grossem Potential nicht berücksichtigt werden

Welcher Anlagestil auch wirklich erfolgreicher sein wird, werden wir wahrscheinlich erst in ein paar Jahren sehen. Das Generieren von Alpha, oder umgangssprachlich auch Ueberrendite genannt, ist heute schon ein grosses Diskussions-Thema. Beide Lösungen haben ihren Charme und wer nur die grossen Namen replizieren will, fährt mit einer passiven Strategie viel günstiger. Sollte sich jedoch ein Anbieter wie z.B. Vision& als sehr erfolgreich beweisen und eine gute Hand bei der Auswahl der Projekte haben, lohnt sich der höhere Preis auf jeden Fall.

Die grossen Herausforderungen beim Anlegen in Cryptos

Durch den noch sehr jungen Markt, der nicht ausgereiften Technologie und dem enormen Geldfluss im Hintergrund, bestehen noch viele Hindernisse und Gefahren beim Anlegen in Krypto-Instrumenten. Die grösste Herausforderung ist hier die Sicherheit solcher Anlagen. Hacking, Scams, aber auch die richtige (faire) Bewertung dieser Anlagen und die aufwändigen Investitionsprozesse, sind Themen die noch viele Investoren zurückhalten.

Drittanbieter versuchen hier Lösung zu bieten. Banken, Research-Unternehmen, Berater für Bewertungsmodelle kommen kontinuierlich mit neuen Dienstleistungen und Produkten auf den Markt. Storage-Lösungen können für Investoren ein Segen sein. Wer mal versucht hat, seine Private Keys einer Wallet sicher aufzubewahren, weiss welcher Aufwand dabei entsteht. Die nächste Graphik zeigt wie sich die Schweizer Crypto Asset Management Landschaft gerade entwickelt.

Investitionslösungen

Das Rennen um den ersten Blockbuster ist in vollem Gange!

Der Finanzsektor hat das Bedürfnis erkannt und viele, vorerst mal kleine, Anbieter versuchen mit diversen Investitionsprodukten und -Dienstleistungen ein kleines Stück des Kuchens für sich zu gewinnen.

Die heute erhältlichen Investitions-Möglichkeiten sind noch nicht für die grosse Bühne gemacht, sprich sie handeln aus einem lokalen Markt heraus. Grund dafür sind die internationalen Behörden, die das Regelwerk noch nicht bestimmt haben (oder bestimmen wollen). Es gibt heute bereits Futures auf Bitcoin, die in Chicago gehandelt werden. Ein passendes Instrument wie einen Fond – der für die internationale Bühne gemacht ist – oder einen ETF gibt es (noch) nicht.

Die Schweiz hat jedoch ein paar gute Beispiele. Swissquote und Vontobel haben Zertifikate lanciert und Unternehmen wie Vision& bieten fundierte Beratung und Expertise im Research an und haben ebenso einen Exchange Traded Note lanciert. Das Interesse der Anleger scheint gross zu sein und der Erfolg dürfte nicht all zu lange auf sich warten lassen. Das Timing könnte wahrscheinlich nicht besser sein. Der Hype ist weg, die Ruhe ist wieder eingekehrt und der Fokus dürfte sich vorerst auf die institutionellen Investoren fokussieren.

Sollte es einem Emittenten gelingen, das erste global erhältliche Instrument zu schaffen, wird dies der Zeitpunkt sein, wo Bitcoin & Co sich definitiv als Anlage-Instrument etablieren werden. Und für die Gesellschaft, die den Durchbruch schafft, stehen grosse Geldflüsse bevor, ganz nach dem Motto: The winner takes it all!

Fazit

Ich bin der festen Ueberzeugung, dass Cryptos definitiv einen Platz im Wealth- und Asset Management finden werden. Die Herausforderungen sind noch gross, der Aufwand enorm und Investitionen mit hohen Kosten (z.B. Storage) verbunden. Somit werden vorerst institutionelle Anleger im Fokus stehen. Private Investoren folgen später, wenn regulierte und für die grosse Masse erhältliche Instrumente verfügbar sein werden. Zur Zeit sind es Neugierige und HODLERS, die in Cryptos investieren. Aus Portfolio-Sicht kann eine Beimischung von Cryptos durchaus Sinn machen. Durch die nicht vorhandene Korrelation zu klassischen Instrumenten kann die Effizienz gesteigert werden. Dies reicht jedoch noch nicht. Denn Cryptos sind nicht für jedermann und eine Investition wird oft aus emotionalen Gründen nicht getätigt. Wahrscheinlich werden wir in Zukunft den Begriff Crypto-Aversion oder Crypto-Bias in den Theoriebüchern vermehrt vorfinden. Jedem das seine!

Zu mir selbst: 20 Jahre in der Finanzbrache u.A. als Portfolio Manager und Vermögensverwalter. Heute im Asset Management tätig. Krypto-Enthusiast und aktiver Miner!

Sämtliche Grafiken sind Eigentum von Vision& und wurden freundlicherweise zur Verfügung gestellt.