Aus dem Unterricht des CAS Digital Leadership mit Senem Wicki berichtet Stephan Habegger.

Unsere heutige Dozentin Senem Wicki beschäftigt sich als Kaospilotin, Zukunftsforscherin und Innovationsexpertin seit Jahren mit  Fragestellungen zu unserer Zukunft und begleitet Unternehmen bei der Neuausrichtung und Transformation.

Ihre Einstiegsfrage lautet:

Wie finden wir uns in einer zunehmen komplexen Welt zurecht, welche sich permanent verändert und deren Zukunft unsicher und nebulös erscheint?

Das Tagesthema ist geradezu beängstigend aktuell, wissen wir zu Unterrichtsbeginn aufgrund der aktuell eskalierenden Corona-Krise doch nicht, ob dies heute für längerer Zeit unser letzter “echter” Unterrichtstag sein und wie sich unser aller Leben generell in den nächsten Tagen und Wochen verändern wird.
So schafft es denn Senem auch mit Leichtigkeit, uns von der ersten Minute an abzuholen mit dem Lernziel:

NAVIGATING CHAOS IN A VUCA WORLD

VUCA ist gemäss Wikipedia ein Akronym für die englischen Begriffe

  • volatility ‚Volatilität‘ (Unbeständigkeit),
  • uncertainty ‚Unsicherheit‘,
  • complexity ‚Komplexität‘ und
  • ambiguity ‚Mehrdeutigkeit‘.

Der Begriff entstand in den 1990er Jahren am United States Army War College (USAWC) und diente zunächst dazu, die multilaterale Welt nach dem Ende des Kalten Krieges zu beschreiben. Später breitete der Begriff sich auch in andere Bereiche strategischer Führung und auf andere Arten von Organisationen aus, vom Bildungsbereich bis in die Wirtschaft.

Tatsächlich haben wir alle das Gefühl, in einer unsicheren, sich stark verändernden und komplexen Welt zu leben, nur:
Wie gehen wir damit um?

Senem illustriert dies sehr einleuchtend, indem Sie uns die Frage stellt, wie optimistisch wir in die nahe Zukunft blicken.
Dazu hat sie eine Skala von “sehr pessimistisch” bis “total optimistisch” in Form einer Achse quer durch das Klassenzimmer gelegt. Und tatsächlich sind unsere Ansichten sehr verschieden!
Je nachdem, was wir in den letzten Wochen erlebt haben oder wie wir uns aktuell fühlen, ergibt sich eine fundamental andere Perspektive und Einschätzung. Dies bedeutet, jeder von uns schätzt die Zukunft anders ein und zieht alternative Schlüsse aus der aktuellen Realität.
Unsere Zukunftsforscherin ist wenig überrascht und begründet dies wie folgt:

“ALS INDIVIDUUM SEHEN WIR IN DER REGEL NIE DAS GANZE BILD SONDERN IMMER NUR EINZELNE FRAGMENTE DARAUS.
SOMIT KÖNNEN WIR KEINE KLAREN SCHLÜSSE ZIEHEN WIE DAS, WAS G
ERADE PASSIERT, SICH AUF UNSERE ZUKUNFT AUSWIRKT.”
Senem Wicki

Interessant scheint zudem, dass wir uns in der heutigen westlichen Welt alle als Individualisten betrachten und diese scheinbare Unabhängigkeit auch zelebrieren. Dabei sollten wir dieses Verhalten kritisch reflektieren:

“WIR STELLEN FEST, DAS WIR UNS IN DER MODERNEN GESELLSCHAFT UNGLAUBLICH FREI WÄHNEN,
DOCH DABEI IN TAT UND WAHRHEIT VON VIELEM IMMER MEHR ABHÄNGIG SIND “
– Senem Wicki

Als technik-affine und angehende Digital Leaders schweigen wir betreten und wissen nur allzu gut, worauf Senem anspielt.

ZUKUNFT ALS BLACK BOX

Die Zukunft ist per se eine Black box und zeichnet sich dadurch aus, dass sie unvorhersehbar ist. Indem wir “Was wäre, wenn ..?” Fragen stellen, nutzen wir unsere Vorstellungskraft dazu, ein mögliches Bild zu entwerfen.

VORHERSEHBARKEIT BEDEUTET MACHT

Orakel Delphi

Orakel von Delphi

In der Geschichte der Menschheit hat Wissen, schon immer Macht bedeutet. Propheten, Gelehrte, Seher und Anführer haben ihr (oft vermeintliches) Wissen dazu benutzt, die Zukunft vorauszusagen. Auch heutige Wirtschaftskapitäne und Politiker werden dafür gewählt und bezahlt, dass sie die Zukunft richtig einschätzen und die einzuschlagende Richtung vorgeben. Sie sind somit die “Navigatoren” unserer Zeit.

Vorhersehbarkeit hat aber auch, wer die grossen Zusammenhänge erkennt und geschickt für sich nutzen kann. Als eindrückliches Beispiel führt Senem dazu an, dass Aztekenpriester in der Maya-Ruinenstadt Chichén Itzá in Mexiko schon im 9. Jahrhundert ihre Kenntnisse der Astronomie und des Kalenders nutzten, um Tag- und Nachtgleiche exakt zu berechnen. Daraufhin bauten Sie Ihre Tempelanlage so, dass aufgrund der Bauweise der Treppenanlage und eines steinernen Schlangenkopfes am Fusse jeweils zweimal im Jahr die Sonne durch ihren Schattenwurf eine gefiederte Schlange Quetzalcoatl (der Schatten von Kukulcán) die Treppen der Pyramide herabsteigt.
Durch Ihre verlässliche Vorhersage dieses eindrücklichen Spektakels haben sich die Priester ihre Macht erhalten. Zukunftsforscher haben somit heute wie damals enorm viel Macht, tragen aber auch dementsprechende Verantwortung.

ZUKUNFTSFORSCHUNG AUF WISSENSCHAFTLICHER BASIS

Die Zukunftsforschung ist heutzutage eine Wissenschaftsdisziplin, die sich aus Statistik, Wahrscheinlichkeitslehre, Kulturwissenschaft, Systemtheorie und einer Vielzahl anderer Fachbereiche zusammensetzt. Dabei beschäftigt sie sich mit der Analyse von Daten und der daraus abgeleiteten längerfristigen Prognose von Wandlungsprozessen.
Heute geht es darum, Vorhersehbarkeit auf wissenschaftlicher Basis zu erlangen, damit Trends erkannt und die Zukunft geplant werden kann.

“AUCH WENN TOOLS UND METHODEN HEUTE FAST UNENDLICH VORHANDEN SIND, SCHWANKT DIE ZUKUNFTSFORSCHUNG IMMER NOCH STARK ZWISCHEN ERNSTHAFTER WISSENSCHAFT (SCIENCE) UND SPEKULATIVER FIKTION (FICTION)” – Senem Wicki

Immer, wenn sich viel verändert, gewinnt Science Fiction an Auftrieb, denn Veränderung regt Gedanken und Abenteuertrieb an! Umgekehrt hat Zukunftsforschung in Krisen einen eher sensibilisierenden Auftrag, nämlich die Gesellschaft auf etwas hinzuweisen und eine Verhaltensänderung zu bewirken.
Prognose, Forecast, Predictive Analysis und Research sind moderne Disziplinen, welche sich mit der Vorhersage der Zukunft beschäftigen. Heute haben wir fast unendliche technische Möglichkeiten, trotzdem sind viele dieser Tools und Methoden völlig überbewertet.
Ein Beispiel für die Grenzen von Predictive Analytics sind beispielsweise die Algorithmen von youtube, welche nur Treffer vorschlagen, die dem entsprechen, was man bisher schon kennt. Dabei entstehen die berühmten “Filterblasen” und es wird nicht berücksichtigt, dass sich Interessen und Neigungen entwickeln und verändern, denn die zugrundeliegenden Daten beruhen immer auf der Vergangenheit.

ASSOZIATION IST GEFRAGT

Das Feld für die Zukunftsforschung ist somit riesig – in der Realität wird aber oft nur die rationale Zukunft (und nicht die plausible Zukunft) bedacht. Wir denken uns die Zukunft als logische Extrapolition. Können wir zum Beispiel heute nicht aus eigener Kraft fliegen, so glauben wir, dass wir auch in Zukunft nicht fliegen können.

“WIR GLAUBEN, DASS IN ZUKUNFT DAS PASSIERT, WAS WIR FÜR GLAUBHAFT HALTEN.
VIEL SINNVOLLER WÄRE ES, SICH ZU FRAGEN: WAS MÖCHTEN WIR, DAS PASSIERT? (… ODER DAS NICHT PASSIERT?)
DIE WAHRSCHEINLICHE ZUKUNFT WIRD HEUTE SEHR UNIFORM UND TECHNOLOGIE-GETRIEBEN BETRACHTET, DABEI IST DIE ZUKUNFT UNENDLICH DIVERS”
– Senem Wicki

BLACK SWAN

Black swan bezeichnet ein Ereignis, das selten und unwahrscheinlich ist – jedoch bei Eintreffen enorme Konsequenzen hat. Es muss deshalb in jeder Zukunftsbetrachtung mit berücksichtigt werden.
(Vereinfacht: Wenn man selber noch nie einen Black swan gesehen hat, rechnet man nicht mit der Existenz. Dabei hat das Auftauchen eines Black swan enorme Konsequenzen und man könnte oder müsste es voraussehen. Im Nachhinein ist man immer schlauer!)

Zukunftsforschung berücksichtigt oft nicht das Unvorhergesehene! Dabei stellt das Unvorhergesehene alles auf den Kopf (siehe aktuelle Corona-Krise)

 

“UNSICHERHEIT IST IMMER EINE RIESEN OPPORTUNITY, ANDERS ZU DENKEN
DABEI HILFT DIE ERKENNTNIS, DASS ES KEIN RICHTIG UND FALSCH GIBT”
– Senem Wicki

WIE GEHEN WIR MIT BIG SHIFTS UM?

Eine Strategie zum Überleben in der VUCA-Welt leitet sich ebenfalls von der Abkürzung ab, nämlich: vision ‚Vision‘, understanding ‚Verstehen‘, clarity ‚Klarheit‘, agility ‚Agilität‘.

“THE BEST WAY TO PREDICT THE FUTURE IS TO INVENT IT” – Alan Kay (Tech Visionär)

Wie gehen wir mit grossen Veränderungen um? Einigeln? Flucht in eine Scheinwelt? Ignorieren und weiter an bewährten Routinen festhalten? Jeder hat wohl andere Verhaltensweisen und Strategien. Allerdings stellen wir mit “Was bringt uns die Zukunft?” oft die falsche Frage: Nicht die wahrscheinliche Zukunft ist wichtig für uns, sondern die wünschenswerte Zukunft:

  • Was wollen wir?
  • Warum?
  • Was ist uns wichtig?
  • Was passt zu unseren Werten?
  • Wie möchten wir denn, dass die Zukunft aussieht?

WIE SCHAFFE ICH ES, IN EINE “PREFERABLE FUTURE-SICHT” ZU KOMMEN?

Senem gibt uns hierzu folgenden Leitfaden:

  • Mehr reflektieren (reflection = learning)
    • Relevant ist nicht was funktioniert hat (bspw. bei einem Pilotprojekt), sondern was wir gelernt haben
  • Invent the future beyond stereotypes
    • Wir denken in Stereotypen/Mustern/Schubladen und sind dadurch sind wir nicht kreativ! Mit ein Grund dafür ist, dass wir keine Fehler machen wollen.
  • Create ligthouse experiences
    • Beispiel: Stadt Zug als “Crypto Valley” mit grosser Strahlkraft. Obwohl die Relevanz gar nicht so hoch ist, hat das Projekt enorme Strahlkraft und damit grosse Wirkung auf die Zukunft. Anstatt einen Masterplan zu generieren (lang, starr, …) ist es zielführender, ein kleines feines Projekt initialisieren (Lighthouse Approach).
  • Design authentic future narratives
    • Weg vom abstrakten Szenario hin zur Zukunftsgeschichte (story telling), welche emotional anspricht. Gute Geschichten zeichnen sich dadurch aus, dass vieles im Kopf interpretiert und ergänzt wird. Der Kern muss immer wahr sein. Um diesen Kern herum wird die Geschichte weiter gesponnen. Gutes storytelling lässt offen, wohin es schlussendlich führt!
  • FAZIT: Narrative = Why? How? Where to?

DREAM YOUR LIFE – LIFE YOUR DREAM

Natürlich wissen wir alle, dass unser eigener Einfluss beschränkt und vieles von äusseren Umständen abhängt. Trotzdem sollten wir an die Macht einer gemeinsamen Vision – oder besser: Kultur – glauben. Nichts ist ein stärkerer Antrieb als ein klar visualiertes, wünschenswertes und vorstellbares Bild der Zukunft. Indem wir uns auf gemeinsame Ziele einigen und ein klares Ideal unserer Gesellschaft entwickeln, haben wir bereits den ersten und wichtigsten Schritt gemacht. In diesem Sinne: DREAM BIG!

 

ÜBUNG “Invent the future – Future cities versus nations”

Zum Abschluss praktizieren wir das Gelernte noch anhand einer Gruppenarbeit. Die Aufgabenstellung lautet:

  • Was macht eine Stadt aus?
  • Was bietet eine Stadt seinen Bewohnern”
  • Wie und wohin entwickeln sich Städte aktuell?
  • Vorteile des Landlebens in die Stadt bringen; wie schaffe ich das?
  • Wohin könnte sich eine Stadt entwickeln?
  • Was wäre ein tolles Leuchtturm-Projekt?

In der Diskussion entstehen interessante, oft auch verrückte Ansätze und Diskussionen.

Somit endet ein sehr spannender Nachmittag mit vielen anregenden Gedanken und Sinem Wicki entlässt uns nach viel Inspiration wieder in die reale VUCA world.

VERÄNDERE DIE GESCHICHTE, DIE WIR UNS VON DER ZUKUNFT ERZÄHLEN,
UND DU VERÄNDERST DIE ZUKUNFT SELBST”
Cory Doctorow (Science Fiction Autor/Blogger)

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