Aus dem Unterricht des CAS Digital Leadership mit Andreas von Gunten berichtet Ognjen Visnjic:

Wollen wir eine Zwei-Klassen-Gesellschaft? „Nein! Natürlich nicht!“ werden jetzt alle aufschreien. Diese Zeiten haben wir schon lange hinter uns gelassen. Doch diese Frage ist aktueller denn je! Nicht die Politiker, Grosskonzernanwälte oder digitale Leader sollten über diese Thematik debattieren, sondern wir alle. Denn die Netzpolitik (insbesondere die Netzneutralität) betrifft jeden von uns. Obwohl – oder gerade weil sich der Ständerat mit 26 zu 17 Stimmen dagegen entschieden hat.

Das Konzept der Netzneutralität basiert auf der Idee, dass alle Daten im Internet gleich behandelt und gleich schnell transportiert werden. Internetprovider und Telekommunikationsunternehmen wollen eine schnellere und eine langsamere Leitung anbieten. Mit dem Prinzip: schneller = teurer. Sie sind der Ansicht, dass der Wettbewerb schon dafür sorgen wird, dass es keine Diskriminierung – also Bevorzugung – der Inhalte geben wird. Der grösste Teil des Daten-Traffics wird von grossen Medienkonzernen (z.B. Netflix) verursacht. Darum sehen es die Provider als notwendig, dass auch die „Big Users“ mehr bezahlen als der normale Internetnutzer. Das Geld kann für neue (teure) Infrastrukturen eingesetzt werden. Wie das genau aussehen soll, kann hier beobachtet werden. Auch der EU-Digitalkommissar Günther Oettinger meint, dass es unterschiedliche Geschwindigkeiten geben muss.

(Videokommentar: Abgesehen von seinem fragwürdigen Taliban-Vergleich, interessiert mich, von welchen Autos er da spricht…)

Doch ist es richtig, dass die Internet-Provider die Macht bekommen zu entscheiden, welche Inhalte zuerst zu sehen sind? Wollen wir das? Barack Obama hat dazu eine klare Meinung.

Andreas von Gunten erklärt, warum diese Thematik eine weltweite Diskussion ist und auch so behandelt werden sollte. Die Netzneutralität bildet die Voraussetzungen für eine „kulturell vielfältige, innovative, wettbewerbsorientierte und gerechte Gesellschaft.“ Es gelten drei wesentliche Prinzipien, die gesetzlich verankert werden sollten:

  1. Das Prinzip, dass jedes angeschlossene Gerät mit jedem Anderen frei kommunizieren können soll (‚end-to-end’-Prinzip).
  2. Das Prinzip, dass jeder Netzbetreiber sein Bestmöglichstes dazu beiträgt, dass die Daten so effizient wie möglich fliessen können (‚best-effort‘-Prinzip).
  3. Das Prinzip, dass jeder das Internet weiterentwickeln und eigene neue Dienste und Inhalte anbieten kann, ohne dafür die Netzbetreiber oder jemanden Anderen um Erlaubnis bitten zu müssen (‚innovation-without-permission’-Prinzip).

Wann hast du das letzte Mal auf dein Smartphone geschaut? Ist es länger als fünf Minuten her…? Ob wir wollen oder nicht, die digitale Welt ist allgegenwärtig. Das Netz ist überall und wir sind mittendrin. Genau darum muss die Infrastruktur für alle gleich zugänglich sein. Und dafür bezahlen wir auch gerne. Denn es geht nicht um das Laden eines Youtube-Videos. Ohne Netzneutralität werden die Internet-Provider den Wettbewerb verzerren. Die Chance für den kleinen Bürger mit Innovation und Kreativität den bestehenden Markt aufzumischen sinkt. Wie kann sich beispielsweise ein StartUp-Unternehmen am Markt beweisen, wenn der erste Schritt die Finanzierung von Geschwindigkeit (Reichweite) sein sollte…

Die Diskussion über die Netzneutralität darf nicht nur ein Internet-Experten-Thema sein. Niemand kann sich der Politik entziehen, denn jeder ist Teil der (Netz-)Gesellschaft. Es betrifft uns alle und so muss es auch behandelt werden. Aus diesem Grund muss die Frage lauten: Wollen wir eine Zwei-Klassen-Gesellschaft? Und nicht: Soll die Netzneutralität gesetzlich verankert werden?

tltr: Das Internet beeinflusst unser Leben sehr stark. Wir müssen alle über die Netzneutralität diskutieren. Ein so wichtiges Thema darf nicht über unsere Köpfe hinweg entschieden werden.