Aus dem Unterricht des CAS Digital Insurance mit Daniela Maag zum Thema «Corporate Incubation» berichtet Christof Arnet.

Immer mehr etablierte Unternehmen, über verschiedene Branchen hinweg, spüren die Folgen der digitalen Transformation. Auch die Versicherungsindustrie ist davon nicht ausgenommen. Junge Unternehmen mit kreativen Ideen, Unternehmertum, Autonomie und schmalen Strukturen erobern die Märkte und lassen die Margen der grossen schrumpfen. Was müssen sich die etablierten Unternehmen, die seit über 150 Jahren den Markt beherrschen, einfallen lassen, um diesem Trend entgegenzuwirken? Wird das Kerngeschäft für Versicherungen in dieser Form bestehen bleiben?

Viele Versicherungen haben auf diese Entwicklung reagiert. Es geht vor allem darum, die konzerntypisch starren und langwierigen Innovationsprozesse zu durchbrechen. Dabei haben sich zwei verschiedene Corporate Inkubation-Ansätze herauskristallisiert: unternehmenseigene Inkubatoren und externe Inkubationsprogramme. Beide Ansätze können je nach Situation, Zielsetzung und Budget eines Unternehmens zum Erfolg führen.

„The Magic behind Corporate Incubation“- mit Daniela Maag – Former Head Business Innovation bei Helvetia – durften wir mehr über die Rolle des unternehmenseigenen Inkubators und die der Corporates erfahren. Eines ist vorab zu sagen: egal ob im eigenen oder externen Inkubator, nicht jede vielversprechende Idee wird gleich zum neuen Geschäftmodell und Umsatzbooster!

Was ist und wie funktioniert Corporate Incubation?

Der Begriff Inkubator kommt ursprünglich aus der Medizin. Dort bezeichnet ein Inkubator eine Art Brutkaten für Neugeborene. Doch wie genau funktioniert Corporate Incubation in der Start-up Szene?

Die Dynamik der Digitalisierung in der Versicherungsindustrie bedingt eine Steigerung der Innovationsgeschwindigkeit. Um das Innovationspotenzial innerhalb einer Unternehmung zu steigern und laufend neue Ideen und Geschäftsmodelle zu entwickeln, eignen sich interne Inkubatoren, einer der beiden möglichen Corporate Incubation Ansätze.

Corporate Incubation konzentriert sich nicht auf Produktinnovationen, sondern auf ganz neue Geschäftsmodelle. Diese Modelle werden anschliessend in simulierten Start-ups umgesetzt, stets unter Berücksichtigung der Unternehmensstrategie. Unterstützt wird das Start-up Team von der Unternehmung mit Know-how, finanziellen Mitteln und einem optimalen dafür geschaffenen Umfeld.

Ziele & Kernelemente

Die Zielsetzung eines Corporate Start-ups, anhand des Beispiels von Helvetia, ist identisch zur Unternehmensstrategie:

  • Break Even 20.20
  • Digitale Transformation
  • Kulturwandel

Entscheidend ist jedoch, dass neue Geschäftsmodelle nicht wie üblich in einem normalen Projektmodus aufgesetzt werden, sondern in einem Start-up Modell, um die Autonomie, Agilität und Flexibilität vollumfänglich zu fördern. Kernelemente sind die folgenden:

Trotz Freiheit und Flexibilität braucht es Prozesse. Von der Geschäftsidee bis zum Prototyp, vom Prototyp zum Markt, bis hin zur Skalierung im Markt braucht es eine professionelle Begleitung. Ein entscheidender Faktor ist dabei das Zusammenspiel zwischen den beiden „Teams“ (Corporate & Inkubator). Es ist fundamental, die Corporates über den gesamten Prozess hinweg aktiv zu involvieren und ihnen verständlich zu machen, was die neue Geschäftsidee im Markt bewirken soll.

Oft wird aber das Innovationsteam vom Verhalten der Corporates ausgebremst. Aktionismus, Experten, Logiken und Unwissenheit sind Herausforderungen und Hürden denen Inkubatoren sich stellen müssen. Auch die Governance der beiden, abgesehen von der Zielsetzung, ist komplett unterschiedlich – Ansatz, Team, Struktur, Spirit, Tempo und Finanzen weichen von den starren Strukturen einer etablierten Unternehmung ab.

Corporates tun gut an Corporate Incubation

Für Daniela ist klar, dass das Versicherungs-Kerngeschäft erhalten bleiben wird und der Markt weiter wachsen wird. Dennoch wird es einen Wandel geben, in Hinblick auf Kundenbedürfnisse, Angebotsgestaltung und den Geschäftsbetrieb an sich. Aus diesem Grund benötigen Corporates mehr Start-up Spirit.

Weiter ist Daniela der Überzeugung, dass es kein Richtig oder Falsch und nicht den einen Schlüssel zum Erfolg gibt. Was es braucht, sind neue Lösungen und einen erfrischenden Mindset.

Innovation entsteht bei Helvetia inhouse

Um Innovation weiter zu fördern, hat Helvetia im Jahr 2016 einen internen Inkubator ins Leben gerufen. Der Auftrag ist klar: frische Ideen und neue Geschäftsmodelle sollen nachhaltig vorangetrieben werden um so mittelfristig neue Ertragsquellen sichern. Daniela baute das Team komplett neu auf und organisierte sogenannte Think Tanks, bei denen interessierte Mitarbeitende an der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle mitwirken konnten.

Wie oben beschrieben, durchlief auch das Helvetia Corporate Incubation Team die üblichen Herausforderungen. Angefangen von der unterschiedlichen „Sprache“- Inkubator „Innovatorisch“ versus Corporate „Helvetisch“ bis hin zur unterschiedlichen Governance. Die Erfahrung von Daniela bei Helvetia zeigt, dass es für den Erfolg entscheidend ist, die zwei Welten miteinander zu verbinden, um jeweils das Optimale herauszuholen.

Am Ende des Tages müssen beide verstehen, dass nur ein „Friendly Handshake“ gewinnbringend für alle ist und ein Start-up kein „Cruise”, sondern „Adventure“ ist.

Helvetia und ihr Corporate Incubation Team kreierten unzählige Ideen mit diesem neuen Mindset. Daraus entstanden u.a. drei neue Geschäftsmodelle in der Pilotphase sowie ein neues, eigenständiges Corporate Start-up Mitipi.

Der Pitch – Tipps & Hints

Vor der Lancierung eines eigenständigen Start-ups sind verschiedene Prüfsteine und Hürden zu überwinden. Ein entscheidender Schritt, diesem Ziel näher zu kommen, ist der Pitch vor der Investorengruppe. Um neue Geschäftsideen voranzutreiben, benötigen junge Unternehmen Investoren. Eine Investorenpräsentation entscheidet über den weiteren Verlauf des Vorhabens und nicht zuletzt in vielen Fällen auch über Millionen.

Der Pitch ist deshalb fundamental. So hat sich in der Gründerszene ein gewisser Standard etabliert – der „sogenannte 10-Slide Pitch“. Dieser Standard wird unter anderem geprägt durch Guy Kawasaki.

  1. Titel
  2. Problem / Möglichkeit
  3. Wertversprechen
  4. Verwendete Magie / Technologie
  5. Businessmodell
  6. Markteintrittsstrategie
  7. Konkurrenzanalyse
  8. Management Team
  9. Finanzen
  10. Aktueller Stand + Vorschau

Ein guter Pitch braucht solide Vorbereitung, Bühnenpräsenz, Geschick und gewisse Magie, um die Investoren zu begeistern und mitzureissen. Ziel ist, grünes Licht für die nächste Phase zu erhalten, neue Stakeholder zu gewinnen oder zumindest eine zweite Chance für ein weiteres Meeting zu bekommen.

Es ist ein Must, an seine Idee zu glauben und diese mit Leidenschaft weiterzuentwickeln. Trotz alledem sollte man sich nicht auf eine Lösung versteifen. So bleibt man agil und ist gegebenenfalls in der Lage, die Idee zu verwerfen, sollte sich abzeichnen, dass das neue Geschäftsmodell keine Durchschlagskraft hat im Markt – siehe Blog Jasmin Schenk aus dem Unterricht mit Alessandro Tschabold.

Weitere Tipps:

  • Es ist wichtig, eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen, obwohl 99% noch unklar ist
  • Das Geschäftsmodell soll kurz und prägnant aufzeigen, um was es sich handelt, was es für Möglichkeiten bietet und was es bewirkt – kurz: „das ist es“ / „das kann es“ / „das tut es“
  • Jeden Pitch selbstbewusst vortragen – präzise und authentisch
  • Viele Pitches werden nach der Präsentation verloren.
    Wichtig:

    • Nicht mit der Jury diskutieren
    • Feedback aufnehmen und die nächste Frage beantworten – weiter geht’s

Fun Part

Im März 2018 fand die vierte interne Helvetia Pitch Session statt. In dieser wurden die neuen Geschäftsideen, der Konzernleitung und weiteren Jury-Mitgliedern, präsentiert.

Und was haben wir gelernt? Drei Teams bekamen die Aufgabe, innerhalb von 45 Minuten eine neue Geschäftsidee zu entwickeln, den Pitch vorzubereiten und zu präsentieren. Ein frei ausgewähltes Beispiel findet ihr hier – schon mal ein guter Anfang, aber mit Sicherheit noch Steigerungspotential 😉 .